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1871 - 1888

Kindheit und Jugend

Am 4. Februar 1871 – mittags gegen 12 Uhr – erblickte Friedrich Ebert als siebtes Kind des Schneiders Karl Ebert und seiner Ehefrau Katharina in Heidelberg das Licht der Welt. Wenige Wochen zuvor war in Versailles das Deutsche Reich begründet worden. Zur gleichen Zeit, als am 18. Januar 1871 die Krönungszeremonie stattfand, saßen die beiden Führer der sozialistischen Arbeiterbewegung, Wilhelm Liebknecht und August Bebel, unter dem Vorwurf des Hochverrats in Untersuchungshaft. Den einen, Wilhelm Liebknecht, wird Friedrich Ebert in den 1890er Jahren als Redner in Bremen flüchtig kennen lernen. Unter dem anderen, dem charismatischen Parteivorsitzenden August Bebel, wird er ab 1905 im Parteivorstand der SPD arbeiten und nach dessen Tod 1913 an seine Stelle als einer der beiden Parteivorsitzenden treten. Die SPD wird zu diesem Zeitpunkt die mitgliederstärkste Partei im Deutschen Reich sein und im Reichstag (ab 1912) mit 110 Abgeordneten die stärkste Fraktion stellen.

Bild der Mutter von Friedrich Ebert Katharina
Stammbaum von Friedrich Ebert

„... dass ich ein Sohn des Arbeiterstandes bin, aufgewachsen in der Gedankenwelt des Sozialismus und dass ich weder meinen Ursprung noch meine Überzeugung jemals zu verleugnen gesonnen bin.“

(Friedrich Ebert vor der Nationalversammlung nach seiner Wahl zum Reichspräsidenten am 11. Februar 1919)

Friedrich Eberts politischer Weg begann mit seiner Wanderschaft, die jedoch auch wie seine Heidelberger Kindheit und Jugend weitgehend im Dunkeln liegt. Über die Erziehung wissen wir wenig: Die Familie mit neun Kindern, von denen drei im Säuglings- und Kindesalter verstarben, wohnte in einer kleinen dreiräumigen Wohnung von nicht einmal 50 Quadratmeter in der engen Heidelberger Altstadt. Hier wuchs Ebert in relativ gesicherten, wenn auch räumlich sehr beengten Verhältnissen auf. Sein Lebenskreis war proletarisch geprägt, sein Elternhaus besaß schon fast kleinbürgerlichen Zuschnitt, da der Vater zu den Besserverdienenden seiner Zunft gehörte.

Auch wenn Ebert akute Not in Kindheit und Jugend wohl nicht direkt erleben musste, so dürfte ihn das soziale Umfeld im Kleine-Leute-Milieu Heidelbergs für die gesellschaftlichen Missstände sensibilisiert haben.

Blick in den Innenhof der Pfaffengasse 18 in Heidelberg
Die Geburtswohnung Friedrich Eberts – heute das Herzstück der ständigen Ausstellung der Gedenkstätte – liegt in einem Zwischengeschoss und war nur über eine hölzerne Treppe vom Hof her zu erreichen. Sie misst etwa 46 Quadratmeter und besteht aus einem größeren Zimmer, einem Durchgangszimmer und einer Küche. Alle Räume haben eine sehr niedrige Deckenhöhe von nur knapp zwei Metern. Die Einrichtung bietet einen anschaulichen Eindruck der damaligen beengten Wohnverhältnisse.

Aus Friedrich Eberts Kindheit 
Erzählt von Binchen Ebert, der Schwägerin Friedrich Eberts 

„Wenn in Heidelberg irgendeine Fensterscheibe zertrümmert, eine Laterne ausgedreht, oder eine alte Frau durch unheimliche Rufe erschreckt worden war – dann kamen in der ganzen Umgegend der Pfaffengasse nur zwei Familien als Urheber in Betracht, die sechs Buben von Frankes und die vier des alten Schneidermeisters Ebert. Das stand so fest, und wurde so allgemein vermutet, daß auch von den betreffenden Vätern mit den fälligen Prügeln nicht erst lange gewartet wurde. Und alle, die Übeltäter miteinbegriffen, waren mit dieser Ordnung der Dinge einverstanden. Denn, was es einmal zu viel gab, das wurde beim nächsten Male weggelassen. Viel Kopfzerbrechen darüber gab es in unserer Jugend nicht." 

(zit. nach: Friedrich Ebert: Kämpfe und Ziele, Dresden 1926)

Blick in die Sattlerei in der Pfaffengasse 18 in Heidelberg
Wahrscheinlich animiert durch eine benachbarte Lohnkutscherei, erlernte Friedrich Ebert später das Sattlerhandwerk. Einen Einblick in dieses mittlerweile fast völlig ausgestorbene Handwerk bietet in der heutigen Gedenkstätte der schmale Raum in der Toreinfahrt, in dem eine Sattlerwerkstatt eingerichtet wurde. In ihr sind zeitgenössische Arbeitsgeräte und Werkstücke eines Sattlers zu sehen.
Alte Ansicht in die Pfaffengasse in Heidelberg
Die Heidelberger Pfaffengasse mit Blick zum Neckar. Das zweite Haus links ist das Geburtshaus Friedrich Eberts.

„Alte Pfaffengässler"
In einer Heidelberger Dissertation aus dem Jahr 1925 heißt es über das Altstadtquartier, in dem Friedrich Ebert aufwächst:


„Die Zimmer sind ungenügend belichtet, die Sonne hat nirgends Zutritt. Eine verbrauchte, muffige Luft herrscht überall. Den Menschen, die dort wohnen, fehlen die drei wichtigsten Bedingungen der körperlichen Gesundheit und des seelischen Gleichgewichtes: Luft, Licht und Sonne. Kein Wunder, daß hier von der Arbeitsfreude, Lebenskraft und dem sittlichen Verantwortlichkeitsgefühl nichts zu spüren ist. Was für eine Jugendzeit müssen die Kinder in solchen Gassen verbringen! Graue dunkle Häuser, enge öde Stuben, die ganze Familie eng zusammengedrängt in einem oder zwei Räumen. Nirgends ein ruhiges Plätzchen für die Schulaufgaben, ein Spieleckchen. Der Tummelplatz und Aufenthaltsort der Kinder ist die Straße."


(Frieda Fries: Die Geburtenhäufigkeit und Sterblichkeit der Kinder in Heidelberg in den verschiedenen sozialen Schichten).

Von Ostern 1877 bis März 1885 besuchte er die Volksschule mit durchschnittlichem Erfolg und begann danach eine Sattlerlehre, die er auch vollenden sollte. Die Überlieferung, er habe nach einer Ohrfeige seines Meister Heidelberg Hals über Kopf verlassen, stimmt nicht. Dokumente weisen aus, dass er seine Wanderschaft zielgerichtet geplant hatte.

Schulzeugnis Friedrich Eberts
Schulzeugnis Friedrich Eberts
Schulphoto von Friedrich Ebert
Foto der Schulklasse mit Friedrich Ebert unten links in der dritten Reihe (3. v. l.). Die Schüler sind etwa sieben Jahre alt.

„Sehr gut weiß ich noch, wie Sie am Abschluss unserer Schulzeit mit besonderer Energie, aber auch mit gutem Erfolg Ihr Lehramt führten. Wenn ich mich noch recht entsinne – verzeihen Sie, wenn ich mich irren sollte –-, waren nicht alle Heidelberger Buben damals von Ihnen entzückt. Das spätere Leben wird sie aber alle, ebenso wie mich, überzeugt haben, dass für den Lebensweg in hohem Maße das entscheidend ist, was einem die Schule gegeben und vor allem das, was man von ihr mitgenommen hat.“

(Friedrich Ebert an seinen ehemaligen Lehrer Heinrich Zeuner, 18. Februar 1919)

Politisches Erwachen während der Wanderschaft

Friedrich Ebert im Alter von etwa 20 Jahren
Friedrich Ebert im Alter von etwa 20 Jahren.

Wohl kurz nach dem Jahreswechsel 1888/89 ging der junge nicht mal 18 Jahre alte Sattlergeselle auf Wanderschaft. Die Wanderung von Ort zur Ort gehörte seinerzeit zu den Gewohnheiten eines Handwerksgesellen. Obwohl Friedrich Ebert als Jugendlicher seine kurpfälzische Heimat verließ, fühlte er sich Zeit seines Lebens zur Neckarstadt hingezogen. Der später vielfach geäußerten Wunsch, seinen Lebensabend in Heidelberg zu verbringen, sollte ihm aber nicht mehr vergönnt sein.

Sein politischer und sozialer Aufstieg war eng mit dem Aufschwung der sozialdemokratischen Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich verknüpft. Wenngleich er vielleicht schon im Elternhaus mit sozialdemokratischen Ideen in Berührung gekommen war, so förderte seine Hinwendung zur Sozialdemokratie ganz entscheidend Eberts Patenonkel Wilhelm Strötz, Sozialdemokrat in Mannheim. Zwangsläufig zog es den jungen Sattlergesellen am Beginn seiner 2½-jährigen Wanderschaft zuerst in die benachbarte nordbadische Hochburg der sozialistischen Bewegung. Sein Weg führte ihn nach mehreren Stationen im süddeutschen Raum in Richtung Norden, wo er in Hannover mit fast einem Jahr am längsten blieb.

Haus des Lehrherrn Schmitt von Friedrich Ebert in der Heidelberger Hauptstraße
Haus des Lehrherrn Schmitt in der Heidelberger Hauptstraße (Aufnahme kurz nach dem Tod Friedrich Eberts 1925).
Blick auf die Belegschaft einer Sattlerei in Wesel, bei der Friedrich Ebert während seiner Wanderschaft arbeitete
Die Belegschaft einer Sattlerei in Wesel, wo Ebert kurze Zeit arbeitet. Er steht rechts neben dem bärtigen Meister und hält ein Sellet, ein Pferde-Rückengeschirr, in den Händen.

Die Wanderschaft fiel in die Endphase des Sozialistengesetzes. Da Friedrich Ebert, der Mitglied der Sattlergewerkschaft und der sozialdemokratischen Partei wurde, auf allen Stationen sich am Aufbau gewerkschaftlicher Organisationen und als Werber für die sozialistische Sache beteiligte, bekam auch er die Restriktionen des letztlich fehlgeschlagenen Versuches von Reichskanzler Otto von Bismarck, die aufstrebende Arbeiterbewegung zu bändigen, zu spüren. Er erfuhr am eigenen Leibe, wie die wilhelminische Gesellschaft die Sozialdemokraten als vaterlandslosen Gesellen ausgrenzte. Gleichzeitig erlebte er die Kraft von solidarischem Handeln, als er in Kassel gemeinsam mit seinen Kollegen über einen Streik Forderungen durchsetzte.

In dem noch vornehmlich handwerklich strukturierten Berufszweig der Sattler, in dem Maschinen erst allmählich Einzug hielten – wie bei Eberts Arbeitgeber in Kassel –, waren die Gesellen durch den direkten Kontakt mit dem Arbeitgeber stärker als in der anonymisierten industriellen Produktion vom Wohlwollen des Arbeitsherrn abhängig. Gewerkschaftliche Organisation boten da Hilfe und Unterstützung gegen die Willkür des Meisters. Nach kurzen Aufenthalten in Braunschweig, Wesel, Barmen und Quakenbrück gelangte er im Mai 1891 nach Bremen, eines der jüngeren Zentren der Arbeiterbewegung. Die Hansestadt sollte für 14 Jahre seine zweite Heimat werden.

Blick auf das Gasthaus „Odeon" in Hannover, in dem Friedrich Ebert 1890 seine erste spontane Rede auf politischer Bühne hält
Bei einer Versammlung der Metallarbeiter am 2. Januar 1890 im „Odeon" in Hannover hält der 18-jährige Friedrich Ebert während eines Streiks der dortigen Metallformer seine „Jungfernrede". Es ist sein erster spontaner Auftritt auf der politischen Bühne.

„Wir streben die Beseitigung jeglicher Klassenherrschaft an und verlangen die volle politische Gleichberechtigung aller ohne Unterschied.“

(Friedrich Ebert in einer Rede 1902)

 

Kontakt

Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte

Museum: Pfaffengasse 18
Verwaltung: Untere Straße 27
69117 Heidelberg

Tel.: 06221/9107 - 0

E-Mail: friedrich@ebert-gedenkstaette.de

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Dienstag bis Freitag: 9 - 17 Uhr
Samstag und Sonntag: 10 -17 Uhr

Am 24., 25. und 26. Dezember ist das Friedrich-Ebert-Haus geschlossen - 
ebenso am 31. Dezember und am 1. Januar.

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