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1891 - 1905

Bremen: der Aufstieg vom Parteiarbeiter zum Parteifunktionär

Aufstieg in der Sozialdemokratie

In Bremen vollzogen sich politisch wie privat entscheidende Weichenstellungen in Friedrich Eberts Leben. Er kam 1891 als lediger Sattlergeselle in der Hansestadt an, als einfacher fleißiger Parteisoldat mit begrenzter Erfahrung in der Organisation der sozialistischen Arbeiterbewegung, ein junger Agitator, der die Feuertaufe als Redner hinter sich hatte und der bereits die Erfahrung von Streik gemacht und die Solidarität innerhalb der sozialdemokratischen Bewegung erlebt hatte. In Bremen erwarb er sich das politische Rüstzeug eines Parteiarbeiters. Als Agitator lernte er zu reden und zu werben und als Redakteur der sozialdemokratischen „Bremer Bürger-Zeitung“ das Schreiben politischer Artikel. Als Inhaber zahlreicher Führungspositionen in Partei und Gewerkschaft entwickelte er organisatorische Fähigkeiten. In den fünf Jahren als Mitglied der bremischen Bürgerschaft (1900–1905) sammelte er darüber hinaus wichtige Erkenntnisse über die parlamentarische Arbeit und gewann Einblicke in die Gesetzgebung und die praktische Regierungsarbeit.

Blick in das Gängeviertel von Bremen
Blick in das Gängeviertel von Bremen
Portrait von Louise Rump
Louise Rump

1905 verließ Friedrich Ebert als ein überregional bekannter sozialdemokratischer Parteiführer die Hansestadt in Richtung Berlin, um fortan als Mitglied des zentralen Parteivorstandes der SPD die Geschicke der größten Partei Deutschlands mitzubestimmen. Hatte er zunächst ehrenamtlich unter großen Einsatz für die sozialistische Bewegung gelebt, so trat er 1900 in ihre Dienste und lebte bei allem weiteren ehrenamtlichen Engagement fortan von der Bewegung.

Bremen wurde auch privat eine entscheidende Wegmarke: Im Mai 1894 heiratete er die 20-jährige Fabrikarbeiterin Louise Rump. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, engagierte sie sich gewerkschaftlich, fungierte zeitweise als zweite Vorsitzende eines kleinen, nur mehrere hundert Mitglieder umfassenden Holzarbeiterverbandes. Über die Ehe und die Familie ist nur ganz wenig bekannt. In seiner Ehefrau besaß Ebert großen Rückhalt. Fünf Monate nach der Heirat kam das erste Kind, Friedrich, zur Welt: „Ein kleiner Umstürzler ist angelangt“, gaben die Eltern in einer Zeitungsanzeige kund und spielten damit darauf an, dass die Sozialdemokraten im wilhelminischen Kaiserreich als vaterlandslose Gesellen außerhalb der Gesellschaft gestellt wurden. Es folgten noch drei weitere Söhne und eine Tochter: Georg, Heinrich, Karl und Amalie. Georg und Heinrich sollten im Ersten Weltkrieg fallen.

Kinderphoto der ältesen Söhne Friedrich Eberts namens Friedrich und Georg
Die ältesten Söhne Friedrich und Georg
Familienbild der Familie Ebert um 1898
Die Familie um 1898. Friedrich Ebert mit seiner Frau Louise und den Söhnen Friedrich, Georg und Heinrich (v.l.n.r.).
Zeitungsausschnitt mit der Anzeige der Geburt des ersten Sohnes Friedrich 1894
Anzeige der Geburt des ersten Sohnes Friedrich 1894

„[...] im Hause der Eltern hieß es, bei aller Freiheit, vor allem Disziplin üben. Wie war es doch noch? Pünktlich zu Tisch, geordnetes und geregeltes Leben, absolutes Einhalten der höheren Orts aufgestellten Hausordnung.“


(Friedrich Eberts Sohn Karl erinnert sich an die Gepflogenheiten in der Familie)

Friedrich Ebert verdankte seine steile Karriere vor allem unermüdlichem Engagement, Redetalent und Organisationsfähigkeit. Schnell stieg er zum „eifrigsten sozialdemokratischen Agitator“ auf, wie ein kaum ein halbes Jahr nach seiner Ankunft verfasster Bericht der Bremer Polizei konstatierte. Er entwickelte sich zum sozialdemokratischen Multifunktionär, bekleidete eine Vielzahl von Ämtern und Positionen in Partei und Gewerkschaften. Diese Ämterfülle belegte Eberts rastloses Engagement und war zugleich Indiz für den Durchbruch der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung zu einer Massenbewegung, die einen rasch wachsenden Bedarf an ehrenamtlichen Funktionären besaß. So traf beides zusammen: hier der nimmermüde Parteisoldat, dort die Bewegung, die sich immer stärker ausdifferenzierte und immer mehr Führungspersonal benötigte.

Beruflich fasste Ebert erst langsam Fuß. Versuche, sich als Sattler selbständig zu machen, scheiterten. 1893 arbeitete er für einige Monate als Redakteur bei der „Bremer Bürger-Zeitung“, dem örtlichen sozialdemokratischen Presseorgan. 1894 pachtete er eine Gastwirtschaft. Das war zwar allgemein keine angesehene Tätigkeit. Aber in der Sozialdemokratie wurde der Gastwirt keineswegs abschätzig betrachtet, denn Wirtshäuser besaßen für die Arbeiterbewegung um die Jahrhundertwende eine besondere Bedeutung als Ort des geselligen Beisammenseins und der politischen Agitation. Das Gasthaus verkörperte einen wichtigen Bestandteil der proletarischen Gegenkultur.

Werbeanzeige Friedrich Eberts für Sattlerarbeiten

„Wie es mit der Vereins- und Versammlungsfreiheit bei uns bestellt ist, brauchen wir unseren Lesern nicht erst auseinanderzusetzen. Das einzige Bollwerk der politischen Freiheit des Proletariers, das ihm so leicht nicht konfisziert werden kann, ist – das Wirtshaus. Es ist der einzige Ort, an dem die niederen Volksklassen frei zusammenkommen und ihre gemeinsamen Angelegenheiten besprechen können. Ohne Wirtshaus gibt es für den deutschen Proletarier nicht bloß kein geselliges, sondern auch kein politisches Leben.“

(Der SPD-Theoretiker Karl Kautsky 1891 über die Bedeutung der Gastwirtschaft für die politische Arbeit der Arbeiterbewegung)

Eberts Gastwirtschaft entwickelte sich zum politischen Treffpunkt der Bremer Arbeiterbewegung und zur Anlaufstelle für die um Rat nachsuchenden Arbeiter. Der Wirt, der sich im Selbststudium umfassende Kenntnisse in Sozialpolitik und Sozialrecht erworben hatte, gab den Arbeitern in rechtlichen Fragen, vor allem auf den stets novellierten Feldern des Arbeitsrechts und des Sozialversicherungswesens, unentgeltlich Auskunft. Geschah dies als Gastwirt zunächst noch ehrenamtlich, so tat er dies ab März 1900 als erster bestellter Arbeitersekretär in der Hansestadt hauptberuflich.

Sozialpolitiker und Abgeordneter

Es gehört zu den vordringlichen Aufgaben der Funktionäre, neue Anhänger für die sozialdemokratische Bewegung zu sammeln. Die Agitation schließt auch das Bremer Umland mit ein. Friedrich Ebert ist zeitweilig Vorsitzender der Landagitationskommission. Die Rednertätigkeit erweist sich „gerade auf dem Lande" als äußerst schwierig. Damit sind nicht selten enorme Strapazen für Redner und Versammlungsleiter verbunden.

Der Arbeitersekretär

Die von Reichskanzler Otto von Bismarck in den 1880er Jahren eingeführte staatliche Sozialpolitik macht, je mehr Gesetze zur Regelung der Sozialversicherung und der Arbeitsbedingungen erlassen werden, Beratungsstellen notwendig. Es entstehen innerhalb der Arbeiterbewegung Arbeitersekretariate, die in juristischen, gewerblichen und sozialpolitischen Angelegenheiten Hilfestellungen geben und die Arbeiter kompetent beraten.
1900 berufen die Bremer Gewerkschaften den versierteren Sozialpolitiker Friedrich Ebert zum ersten Arbeitersekretär in der Hansestadt. Als Arbeitersekretär erweiterte sich sein Wissensspektrum auf sozialrechtlichem und sozialpolitischem Gebiet. Er stand den Arbeitern mit Rat und Tat zur Seite.

Friedrich Ebert unter Freunden

Rasch entwickelt sich diese neue Institution zu einem wichtigen Zentrum, in dem organisierte und unorganisierte Arbeiter und Arbeiterinnen unentgeltlich beraten werden. Friedrich Ebert, der sich auf der Wanderschaft hauptsächlich für seinen eigenen Berufsstand engagiert hat, lernt nun die Sorgen und Nöte der Arbeiterschaft in ihrer ganzen Breite kennen. Diese unmittelbaren Erfahrungen bestimmen fortan sein politisches Denken und Handeln.

Arbeiter in einer Fabrik
Arbeiter in einer Fabrik

Das war Hilfe im Kleinen, aber wichtig für den Einzelnen, der hier Unterstützung eines versierten Fachmannes erhielt. So besaßen die Arbeitersekretariate einen hohen sozialpolitischen Stellenwert. Wegen seiner umfassenden Kenntnisse vielfältiger Rechtsbereiche genoss der „Volksjurist“ in der sozialistischen Bewegung ein hohes Ansehen. Sein Beruf steigerte auch Eberts Bekanntheits- und Popularitätsgrad.
Die tagtägliche Konfrontation mit den Problemen des Proletariats als sozialpolitischer Berater der Arbeiterschaft prägte seinen Standort in den ideologischen Grabenkämpfen seiner Partei zwischen Reformisten, Revisionisten und Revolutionären.

Arbeiterinnen beim Nähen von Jutesäcken
Arbeiterinnen beim Nähen von Jutesäcken

Ebert verabscheute theoretische Debatten und ideologische Kontroversen als wenig hilfreich für die praktische Arbeit. Ideologisch-programmatische Auseinandersetzungen besaßen für ihn nicht den Stellenwert, den sie auf den jährlichen Parteitagen einnahmen. Überzeugt von der Richtigkeit der gültigen theoretischen Grundlagen, wie sie im Erfurter Programm der SPD von 1891 niedergelegt waren, sah er die Hauptaufgabe der Sozialdemokratie in der praktischen Tagesarbeit. Der Pragmatiker wollte Demokratie und sozialen Fortschritt auf dem Weg der Reform verwirklichen. Als Bühne der politischen Agitation bot sich ab 1900 das Bremer Parlament an.

In der Bremer Bürgerschaft

Nahezu gleichzeitig mit seiner Wahl zum Arbeitersekretär war er in die Bremer Bürgerschaft gelangt. Fast wäre seine Wahl in das Stadtparlament 1899 an der Bestimmung über den Erwerb des bremischen Staatsbürgerrechts gescheitert. Der Erwerb der bremischen Staatsbürgerschaft – und somit das aktive und passive Wahlrecht – war abhängig von der Ableistung eines Bürgereides, was Ebert am 4. Dezember 1896 getan hatte. Damit war bis zur Wahl am 2. Dezember 1899 die für das Wahlrecht erforderliche dreijährige Wartezeit seit der Verleihung der Staatsbürgerschaft noch nicht ganz erfüllt. Um ihm aber doch noch den Einzug ins Parlament zu ermöglichen, stellten die Sozialdemokraten in zwei aussichtsreichen Wahlkreisen denselben Kandidaten auf. Nachdem dieser, wie erhofft, in beiden gewählt worden war, musste im achten Wahlkreis eine Nachwahl stattfinden, bei der dann Ebert, der jetzt die Bedingung einer dreijährigen Staatsbürgerschaft erfüllte, am 15. Dezember mit großem Vorsprung zum Abgeordneten gewählt wurde.

Im Landesparlament präsentierte sich der SPD-Fraktionsvorsitzende als gewandter Redner, der vor allem soziale Probleme aufs Tapet brachte und dabei auf seinen fundierten Kenntnissen als Arbeitersekretär zurückgreifen konnte. Auch wenn der unverdrossene Einsatz in der Bürgerschaft kaum Früchte trug, so hielt Ebert an der Mitarbeit im Parlament fest. Denn hier bot sich die Chance, um für die eigenen Ziele zu werben und um über die Parteikreise hinaus auf soziale Missstände aufmerksam zu machen. Gerade die Erfolglosigkeit sozialdemokratischer Initiativen ließ das politische System als Klassenherrschaft erscheinen, was wiederum das Klassenbewusstsein und die Solidarität in der sozialdemokratischen Gefolgschaft stärkte.

Sein rastloses Engagement für die Bewegung machte den Kopf der Bremer Sozialdemokratie zu einem auch über die Region hinaus bekannten Parteiführer. Der Berliner Parteispitze fiel er zudem als gewandter Organisator des SPD-Parteitages 1904 in Bremen auf, der – im Gegensatz zu den vorhergehenden Parteitagen mit tief aufwühlenden Programmdebatten – in relativer Harmonie verlief. Der Parteitag 1904 war der Höhepunkt von Eberts parteipolitischer Karriere in Bremen. Ein Jahr später wurde er in den zentralen SPD-Vorstand gewählt.

Das Plenum des Parteitages in Bremen; Blick in das festlich geschmückte Tagungslokal „Casino" beim SPD-Parteitag in Bremen 1904
Das Plenum des Parteitages in Bremen; Blick in das festlich geschmückte Tagungslokal „Casino".
Bild des Präsidiums des SPD-Parteitages 1904 in Bremen
Es entspricht den Gepflogenheiten der Partei, dass einer der beiden Präsidenten des Parteitages aus dem Verein des Tagungsortes bestimmt wird. So sitzt Friedrich Ebert neben dem Parteiverleger J.H.W. Dietz dem Parteitag vor. Podium des Parteitages, in der Mitte Friedrich Ebert, links neben ihm J.H.W. Dietz, rechts von ihm Ottilie Baader, führendes Mitglied der sozialistischen Frauenbewegung.

Dies traf mit seinem Wunsch zusammen, die Hansestadt zu verlassen, denn innerparteiliche Kontroversen um Theorie und Strategie lähmten immer stärker die Arbeit in der bremischen Sozialdemokratie. Personelle Veränderungen schwächten seine auf Reformarbeit gerichtete Position innerhalb der Bremer SPD, in der radikale Kräfte die Oberhand zu gewinnen schienen. Diese innerparteiliche Gewichtsverschiebung verstärkte bei dem zu den Reformisten zählenden Ebert wiederum den Wunsch nach Veränderung.

Am 24. September 1905 wählte ihn der SPD-Parteitag in Jena auf die im Parteivorstand neu geschaffene Stelle eines hauptamtlichen Sekretärs. Er setzte sich bei der Abstimmung gegen den ein Jahr darauf ebenfalls in den SPD-Vorstand gewählten Hermann Müller, den aus Mannheim stammenden späteren Außenminister und Reichskanzler der Weimarer Republik, durch.

Die Berliner SPD-Zentrale benötigte einen Verwaltungsfachmann. Ebert hatte hierin Erfahrung. Er hatte das Bremer Arbeitersekretariat aufgebaut und fünf Jahre erfolgreich geleitet. Zudem sollte der neue Mann sich ausschließlich der Arbeit im Parteibüro widmen und nicht mit anderen Aufgaben wie der Wahrnehmung eines Reichstagsmandates belastet sein. Das traf auf Ebert zu. Offensichtlich hatte er durch seine geschäftsgewandte Leitung des Bremer Parteitages bei der Parteispitze und bei den Delegierten aus dem ganzen Reich einen bleibenden Eindruck als fähiger Organisator und Moderator hinterlassen.

Im Dezember 1905 ging eine mittlerweile auch über die Region hinaus bekannte Führungspersönlichkeit nach Berlin, ausgestattet mit den Erfahrungen eines in vielen Feldern bewanderten Multifunktionärs. Er hatte sozialdemokratische Arbeit in vielfältigen Bereichen von der Pike auf gelernt, war dank seines rastlosen Engagements von der ehrenamtlichen in die vollamtliche Funktion gelangt. Er hatte aber auch erfahren müssen, dass Richtungsstreitigkeiten die Parteiarbeit blockierten und dass innerhalb der Sozialdemokratie die Neigung bestand, sich im programmatischen Gegeneinander zu zerfleischen. Politisch hatte ihn die Basisarbeit als Rat gebender Gastwirt und als Arbeitersekretär geformt. Er stand für Verbesserungen für die Arbeiterschaft im Hier und Heute ein und hielt nichts davon, die Arbeiter auf eine utopische Heilsgesellschaft in ferner Zukunft zu vertrösten. Ebert erkannte die programmatischen marxistischen Grundlagen zwar an, war aber im Grunde ein theoriefeindlicher Pragmatiker. Und als dieser sollte er sich in der Parteizentrale ab 1905 profilieren.

 

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