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1905 - 1918

Organisator der Massenpartei

Mit Friedrich Ebert kam erstmals ein Vertreter der zweiten Generation von Arbeiterführern in die Berliner Parteizentrale. Er und der ein Jahr später in den Parteivorstand gewählte Hermann Müller waren die beiden jüngsten Mitglieder der SPD-Führungsriege: Sie traten an die Seite der sozialdemokratischen Gründungsväter um die beiden Vorsitzenden August Bebel und Paul Singer. Die acht Jahre Eberts im Parteivorstand waren geprägt von den Erfordernissen einer rasch wachsenden Massenpartei. Die Mitgliederzahl der SPD wuchs von etwa 380.000 1905/06 auf über eine Million 1914. Eberts Tätigkeit war zunächst von organisatorischen und administrativen Aufgaben bestimmt. Das alltägliche Geschäft war bisweilen ermüdende Kleinarbeit, aber sie war für das Funktionieren der Partei unerlässlich.

Bild vom SPD-Vorstand 1909
Der SPD-Parteivorstand 1909. Hintere Reihe: Luise Zietz, Friedrich Ebert, Hermann Müller, Robert Wengels. Vordere Reihe: Alwin Gerisch, Paul Singer, August Bebel, Wilhelm Pfannkuch, Herman Molkenbuhr.

„Mit Ebert und Müller saß ich anfänglich im gleichen Zimmer. Wenn ein Besucher mit einem von uns verhandelte, waren die beiden anderen lahmgelegt. Und was bargen die Akten, was erzählten die Besucher? Zunächst Kleinkram, der mich nicht interessierte. Natürlich mussten alle diese langweiligen Klagen ertragen, mussten die zahllosen bürokratischen Arbeiten gemacht werden. Ich bewunderte die Geduld und den Fleiß meiner Kollegen, die mir mit bestem Beispiel vorangingen."

(Philipp Scheidemann, Mitglied des Parteivorstandes seit 1911, berichtet in seinen Memoiren über die tägliche Kleinarbeit im Parteivorstand)

Innerhalb einer kurzen Zeitspanne erwarb sich Ebert über die Parteigrenzen hinaus den Ruf eines Bürokraten, was zumeist abschätzig verwandt wurde, ihm aber keineswegs gerecht wurde. Denn damit ignorierte man, dass der junge Funktionär mit zunehmender Dauer immer stärker mit politischen Aufgaben betraut wurde. Er wurde Verbindungsmann des SPD-Parteivorstandes zu den sozialistischen Gewerkschaften und leitete die 1908 von SPD und Gewerkschaften begründete „Zentralstelle für die arbeitende Jugend Deutschlands“.

Zudem wurde er immer stärker in die politisch-programmatisch Diskussion der von theoretischen Scharmützeln geschüttelten Massenpartei SPD einbezogen. Auf dem Parteitag 1908 in Nürnberg lieferte er anstelle des kränkelnden Vorsitzenden August Bebel das Schlusswort des Vorstandes zur heftig umstrittenen Budgetbewilligung. Im Süden Deutschlands hatten sozialdemokratische Landtagsfraktionen für die Annahme der Landeshaushalte gestimmt und damit gegen die offizielle Parteilinie – „diesem System keinen Mann und keinen Groschen“ – verstoßen. Auf dem Nürnberger Parteitag 1908 erhob Ebert die Budgetbewilligung zu einer grundsätzlichen Frage der Parteiräson und forderte die Anerkennung der auf den Parteitagen gefassten Beschlüsse ein. Dabei postulierte er das geschlossene Auftreten der Partei als Grundprinzip parteipolitischen Handelns.

„Wenn wir in Zukunft schmutzige Wäsche zu waschen haben, so gehen wir damit besser in die Waschküche, aber nicht in die Öffentlichkeit.“

(Friedrich Eberts Appell für ein einheitliches Auftreten der Partei 1903)

In den ideologischen Auseinandersetzungen um die Theorie vertrat er stets die Haltung des Parteivorstandes. Das geschah auf zahlreichen Landesparteitagen oder Sonderkonferenzen, wo er als Vertreter der Berliner Zentrale die Einhaltung der Parteitagsbeschlüsse einforderte. Dabei profilierte sich als Schlichter und Schiedsrichter in den programmatisch-ideologischen Kontroversen, die die SPD vor dem Ersten Weltkrieg bis an den Rand der Spaltung trieben. Seine Bemühungen waren nicht immer von Erfolg gekrönt, besonders wenn die Fronten derart verkrustet waren wie im Streit zwischen Reformisten und Radikalen in der württembergischen Landesorganisation.

Insgesamt ist Friedrich Ebert den nüchternen Pragmatikern innerhalb der SPD zuzuordnen, die sich am Parteiprogramm orientierten, die nichts so sehr verabscheuten wie die immer wieder aufflammenden Theoriediskussionen, die in seinen Augen von der eigentlich notwendigen Arbeit ablenkten und die Schlagkraft der Partei gefährdeten. Ebert ist dem so genannten Zentrum der Partei zuzurechnen. Ihm war die Einheit der sozialdemokratischen Bewegung das höchste Gut, der Grundstock politischer Macht, um das System zu reformieren und letztlich zu überwinden.

Ebert stieg zu einem der wichtigsten Funktionäre im Parteivorstand auf. Er kannte sich in parteitaktischen Fragen bestens aus und beherrschte die Verwaltung. Ihn zeichneten Energie, Effizienz und Erfahrung als Redner, Organisator und Agitator aus. In Berlin reifte der Sekretär im Vorstand zu einer Führungspersönlichkeit der deutschen Sozialdemokratie, entwickelte sich zum eigentlichen Macher in der Parteizentrale.

Verzicht auf den Parteivorsitz 1911

Das alles erklärt, warum er auf dem Parteitag 1911 als Nachfolger des verstorbenen Parteivorsitzenden Paul Singer gehandelt wurde. Auf dem Jenaer Parteitag im September schlugen Bebel und der Parteivorstand den Königsberger Rechtsanwalt Hugo Haase zum Nachfolger Singers vor. Aus der Mitte des Parteitages wurde aber der Name Friedrich Ebert ins Spiel gebracht, der jedoch vor dem Plenum des Parteitages auf eine Kandidatur ausdrücklich verzichtete: „Zu meinem Bedauern ist trotz dringenden Abratens meinerseits mein Name auf die Vorschlagsliste für die Wahl der Vorsitzenden der Partei gekommen. Ich erkläre, dass ich unter keinen Umständen zur Wahl der Vorsitzenden kandidiere, vielmehr empfehle ich die Kandidatur Haase. Ich bitte deshalb, meinen Namen zu streichen.“

Obwohl Ebert ausdrücklich auf seine Nominierung verzichtet hatte, erhielt er immerhin 102 Stimmen der Delegierten, während der gewählte Hugo Haase 283 Stimmen für sich verbuchen konnte. Die Motive für Eberts Verzicht sind nicht gänzlich zu klären. Schon vor dem Tod Singers hatte hinter den Kulissen das Tauziehen um den Nachfolger eingesetzt, begleitet von persönlichen Konflikten und Intrigen, vor allem seitens der Linken. Angesichts der Auseinandersetzungen innerhalb der Führungsgremien der Partei wollte Ebert vor den Reichstagswahlen im Januar 1912 keine parteiinternen Konflikte heraufbeschwören. Vor den Wahlen galt es, Geschlossenheit und Einigkeit der Partei zu demonstrieren. Ein weiterer Grund, warum er das zum Greifen nahe Amt ausschlug, dürfte auch die Tatsache gewesen sein, dass ihm das Reichstagsmandat noch fehlte. Das sollte er wenige Monate später erringen.

Die Wahl in den Reichstag 1912

Dreimal (1898, 1903 und 1906) war Ebert mit Kandidaturen für den Reichstag gescheitert. 1912 sollte es dann im Wahlkreis Elberfeld-Barmen (dem heutigen Wuppertal) klappen. Es lässt sich nicht mehr nachweisen, wie es zu seiner Nominierung in diesem Wahlkreis kam. Ausschlaggebend waren sicherlich persönliche Kontakte über seinen Kollegen im Parteivorstand, Hermann Molkenbuhr, dessen Sohn Arthur zu dieser Zeit als Redakteur bei der Elberfelder „Freien Presse“ arbeitete, dem sozialdemokratischen Blatt im Tal der Wupper. Ebert, der während seiner Wanderschaft ein halbes Jahr in Barmen Station gemacht hatte, war im Wuppertal bekannt, hatte als Vertreter des Parteivorstandes an den Parteitagen der SPD in der Rheinprovinz und im Bezirk Niederrhein in den Jahren 1908/09 teilgenommen. Bei der Kandidatenauswahl waren die Parteiorganisationen in den Wahlkreisen allgemein bestrebt, einen Prominenten aus der Partei für sich zu gewinnen, der in den innerparteilichen Richtungsstreitigkeiten vor Ort nicht als ein Mann einer bestimmten Gruppierung galt und daher über die Flügel hinweg auf Akzeptanz stieß. Dies scheint auch bei der Kandidatur Eberts ein Motiv gewesen zu sein.
Zwar verpasste Ebert im ersten Wahlgang die erforderliche absolute Mehrheit um 500 Stimmen denkbar knapp, setzte sich aber in der Stichwahl gegen den bisherigen freikonservativen Mandatsträger durch. Ebert zählte damit zu den 110 Sozialdemokraten, die als stärkste Fraktion in den neuen Reichstag mit insgesamt 397 Abgeordneten einzogen.

Die Die SPD-Fraktion mit 110 Abgeordneten 1912
Die Die SPD-Fraktion mit 110 Abgeordneten

Im Reichstag sprach Ebert vor dem Weltkrieg nur wenig und auch nicht zu den großen Streitfragen der Zeit. Seine politische Karriere machte er eben nicht wie Scheidemann über den Reichstag, sondern über die Parteiorganisation. Ein Jahr nach seiner Wahl in den Reichstag wurde Eberts parteipolitische Karriere mit seiner Wahl zum Parteivorsitzenden gekrönt.

Auf der Zinne der Partei: die Wahl zum SPD-Vorsitzenden

Es war allgemeine Anerkennung von Eberts Arbeit in der Berliner SPD-Zentrale, dass er nach dem Tod von August Bebel 1913 dem Arbeiterkaiser folgen sollte. Um Bebels Nachfolge entbrannte kein Streit mehr. Die Führungsgremien der Partei einigten sich rasch auf Ebert. Nur er kam eigentlich in Frage. Der nächste Parteitag, wiederum in Jena, wählte den Heidelberger Sattler am 20. September mit 433 von 473 abgegebenen Stimmen zum Parteivorsitzenden neben Hugo Haase. Die Wahl war Auszeichnung für mehr als zwanzig Jahre harte Parteiarbeit und rastlosen Einsatz. In dieser Zeit, besonders während seiner fast achtjährigen Tätigkeit im Parteivorstand, hatte Ebert das Vertrauen der Mitglieder und der Mehrzahl der Funktionäre erworben, wenngleich er aufgrund seiner politischen Haltung dieses bei den Linken nicht genoss. Er hatte als Mitglied des Parteivorstandes seine organisatorischen und administrativen Fähigkeiten unter Beweis gestellt und zunehmend auch politische Tätigkeiten wahrgenommen, die ihn mit allen Parteiinstanzen und Regionen in Kontakt gebracht hatten. Die Delegierten kannten ihn von Parteitagen, von regionalen Konferenzen und Tagungen, von Verhandlungen mit den Gewerkschaften oder aus der Arbeit in der Jugendzentrale, und sie hatten ihn in den Auseinandersetzungen um die ideologische Linie erlebt. Hier hatte er sich bewährt. Die Wahlergebnisse auf den jährlichen Parteitagen dokumentierten das Vertrauen der Delegierten in das Vorstandsmitglied Friedrich Ebert.

Portrait von August Bebel
August Bebel (1840–1913)

„Die Geschlossenheit der Partei ist die Vorbedingung für unseren Erfolg. Sie verlangt aber die Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit, sie verlangt die Respektierung der Parteitagsbeschlüsse von jedem einzelnen. Wenn das nicht mehr geschieht, dann … ist die Aktionskraft, die Schlagkraft der Partei gelähmt“

(Friedrich Ebert auf dem SPD-Parteitag am 18. September 1908)

Ein neuer allseits verehrter Arbeiterkaiser wie Bebel konnte und wollte Ebert nicht sein. Die Massenpartei SPD brauchte jetzt keinen charismatischen Vorsitzenden, sondern den Pragmatiker und Organisator und insgesamt eine kollektive Führung. Und hierfür war Ebert neben Hugo Haase genau der Richtige. Mit dem Badener stand ein Mann aus der Mitte an der Spitze der Partei, der sein Handeln am politisch Machbaren orientierte, sich nicht auf Visionäres einlassen wollte und auch nicht vom Kladderadatsch, dem Zusammenbruch des Systems, träumte, sondern vom Glauben an den Fortschritt geprägt war. Damit repräsentierte der neue Vorsitzende die Mehrheit seiner Partei, deren äußeres Erscheinungsbild allerdings weiterhin wesentlich von den Radikalen und ihren revolutionären Parolen geprägt wurde.

Friedrich Ebert war groß geworden in einer legal operierenden Partei, die von Wahlsieg zu Wahlsieg geeilt war. Das prägte den Glauben an einen allmählichen Wandel. Doch stand seine Zeit an der Spitze der Partei im Schatten des Ersten Weltkrieges, der ein Jahr später die Welt, und auch die deutsche Sozialdemokratie, zutiefst erschüttern sollte.

Der Parteivorsitzende im Ersten Weltkrieg

Als am 4. August 1914 nach Ausbruch des Weltkrieges die SPD-Fraktion im Reichstag den Kriegskrediten zustimmte, überraschte dies die Öffentlichkeit, widersprach dies doch dem ehernen Grundsatz der SPD, dem System keinen Mann und keinen Groschen zu geben. Mit der Kreditbewilligung besiegelte die SPD den Burgfrieden, mit dem sie auf ihre bisherige fundamentale Opposition gegen den Staat verzichtete. Ebert war von Anfang ein entschiedener Vertreter dieser Stillhaltepolitik.

Die internationale Krise nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo hatte die Sozialdemokratie überrascht. Am 28. Juli brach Ebert angesichts heraufziehender Kriegswolken seinen Urlaub auf der Insel Rügen ab. Zurück in Berlin, beschloss die Parteiführung, Ebert gemeinsam mit Otto Braun in die Schweiz zu schicken, um die Parteigelder in Sicherheit zu bringen und im Falle von befürchteten staatlichen Repressionen die Partei von außen zu organisieren. Doch die Reichsführung unternahm nichts gegen die Sozialdemokratie. Ebert kehrt schon am 4. August zurück, rechtzeitig zur Abstimmung im Reichstag über die Kredite

„Um 2 Uhr Nachmittags in Berlin. Ich gehe gleich in den Reichstag. Scheidemann informiert mich schnell über die tags zuvor stattgefundene Fraktionssitzung. Es soll sehr stürmisch hergegangen sein, stürmischer als je. Schließlich hat sich die Fraktion gegen 14 Stimmen für die Kreditgewährung erklärt. Ich habe Scheidemann erklärt, dass ich mit der Mehrheit gestimmt hätte.“

(Friedrich Ebert in seinem Tagebuch am 4. August 1914)

Für ihn und wie für die Mehrzahl der Sozialdemokraten stand in den Tagen des Kriegsbeginns fest, dass das zaristische Russland, seit jeher Sinnbild der Reaktion und Unterdrückung, Hauptaggressor war und dass Deutschland sich in einer Verteidigungsposition befand. Das war subjektiv ehrlich gemeint, aber objektiv nicht zutreffend, denn das Kaiserreich besaß ein hohes Maß an Schuld am Kriegsausbruch. Geschickt aber hatte die Reichsleitung den Zaren als eigentlichen Kriegstreiber hingestellt. Die Furcht vor einer Herrschaft des „blutdurstigen Zarismus“ bestärkte bei Ebert und der Mehrheit der Sozialdemokratie das Gefühl, die nationale Unabhängigkeit verteidigen zu müssen. Dabei glaubte er sich im Einklang mit dem seit jeher gültigen sozialdemokratischen Bekenntnis zur Landesverteidigung. Das war wesentliches Motiv für die Zustimmung zu den Kriegskrediten am 4. August. Dazu gesellte sich später noch die Hoffnung, dass die Reichsleitung die Politik des Stillhaltens mit der von der SPD lang ersehnten Parlamentarisierung des Reiches und die Demokratisierung der Gesellschaft honorieren würde. Die Zustimmung zu den Krediten war aber kein Pfand, das man gegen substantielle Reformen einlösen wollte. Noch im Frühjahr 1916 unterstrich Ebert vor dem Reichstag, dass die Sozialdemokratie keine Gegengabe für ihre Haltung zur Landesverteidigung einfordere.  Ungeachtet dessen mahnte er vor allem eine Überwindung des preußischen Dreiklassenwahlrechts an, gegen das die Sozialdemokratie nach der Jahrhundertwende vergeblich Sturm gelaufen war und gewaltige Demonstrationen organisiert hatte. Ziel Eberts blieb die „staatsbürgerliche Gleichberechtigung aller auf allen Gebieten“. Aber: Er und die sozialdemokratische Mehrheit machten das Bekenntnis zur Landesverteidigung nicht vom Verhalten der Regierung und irgendwelchen politischen Zugeständnissen abhängig. Die Landesverteidigung war und blieb der Wert an sich. Und der war ausschlaggebend für die Entscheidung am 4. August, mit der sich eine teilweise Integration der Sozialdemokratie in den Staat und eine Identifikation mit dem Schicksal des Reiches vollzog. Die Burgfriedenspolitik wurde aber nicht von allen in der SPD getragen. Unbeirrt hielt Ebert am Burgfriedenskurs fest.

Allgemein erwartete die Partei wie auch die große Mehrheit der Deutschen nur einen kurzen und siegreichen Waffengang. Die Parteiführung hoffte, die Streitpunkte bis zum baldigen Kriegsende zurückstellen zu können. Doch der Balanceakt, sich zwischen den Befürwortern und -gegnern einer Kreditbewilligung irgendwie durchzulavieren, konnte auf Dauer nicht durchgehalten werden. Denn die Erwartung eines baldigen Sieges erwies sich als illusorisch. Der Krieg erstarrte in einem menschenfressenden Grabenkampf. Je länger der Krieg dauerte, um so lauter artikulierten die einzelnen Gruppen ihre Positionen.

Bild eines abfahrenden Zuges mit deutschen Soldaten während des Ersten Weltkrieges
Zu Beginn des Krieges war die allgemeine Begeisterung groß. In ein paar Monaten wollten die Soldaten wieder zuhause sein.
Bild von Soldaten im Ersten Weltkrieg

Die Burgfriedenspolitik führte die Partei schließlich in eine Krise, der sie nicht mehr gewachsen war. Bis zuletzt versuchte Ebert, die Einheit der Partei, das „Bebelsche Vermächtnis“, wie er es nannte, zu erhalten. Die Einheit (der Bewegung oder der Gesellschaft) war und blieb auch später als Reichspräsident Richtschnur im politischen Diskurs. Das galt ganz besonders in Krisenzeiten, wie im Weltkrieg, wo er dies geradezu zum politischen Imperativ erklärte. Die Wirkung der Appelle an die demonstrative Einigkeit der Partei blieb unter den Belastungen des Krieges und angesichts der Schwere der Entscheidung nur zeitlich begrenzt.

Der parteiinterne Burgfriede zerbrach bei der zweiten Kreditbewilligung im Dezember 1914, als Karl Liebknecht vom äußersten linken Parteiflügel im Reichstag gegen die Kriegskredite stimmte. Ebert hielt um der Parteieinheit willen lange dem Druck des rechten Flügels stand, die die Burgfriedensgegner als lästigen Ballast schon frühzeitig aus der Partei drängen wollten. Er verteidigte stetig das festgeschriebene Prinzip, trotz divergierender Meinungen in der Partei nach außen hin geschlossen aufzutreten. Das Votum der Fraktion im Reichstag hatte einstimmig zu erfolgen; diejenigen aber, die diese Mehrheitsentscheidung nicht mittragen wollten, durften der Abstimmung ohne großes Aufsehen fernbleiben. Darauf einigte sich die Fraktion am 2. Februar 1915 mit überwältigender Mehrheit. Das geschlossene Auftreten nach außen war und blieb für Ebert das Grundgesetz der Partei. Die Minderheit hatte sich der Mehrheit unterzuordnen, sonst drohte, so Ebert im November 1915, „das organisatorische Gefüge“ aufgelöst zu werden. Es sollte so kommen.

Im Dezember 1915 stimmten dann 20 Oppositionelle im Reichstag gegen die Kredite. Das öffentliche Auftreten stellte für Ebert einen unentschuldbaren Bruch der Parteidisziplin dar. Auch er sah nun das gemeinsame Tischtuch zerschnitten. Sein Mitvorsitzender Haase, der zur oppositionellen Minderheit gehörte, trat als Fraktionsvorsitzender zurück; an seine Stelle wurde Ebert in die dreiköpfige Fraktionsführung gewählt. Die Gräben rissen noch weiter auf. Die stetig wachsende innerparteiliche Opposition bildete schließlich eine eigene Fraktion und rief 1917 mit der USPD, geführt von Haase, eine eigene Partei ins Leben.

Die sich jetzt im Krieg herausbildenden Richtungen formierten sich im Wesentlichen längs der Scheidelinien, die sich in der Vorkriegszeit in den grundlegenden Diskussionen um Strategie und Theorie, um Reformismus, Revision des Marxismus und Massenstreik herauskristallisiert hatten. Doch einige Vorkriegsradikale wandelten sich zu extremen Vertretern nationalistischer Positionen. Andererseits wählten Reformisten und Revisionisten den Weg in die Opposition, darunter der Begründer des Revisionismus Eduard Bernstein, der sich neben seinem einstigen Gegenspieler im Disput über das Parteiprogramm, Karl Kautsky, in der gemäßigten Opposition wiederfand.

Stammbaum zur Geschichte der SPD in der Weimarer Zeit

Die Sozialdemokratie war auf Dauer auseinander gebrochen. Sie zehrte ihre Kräfte in einem „Bruderkampf“ auf, wie Ebert im April 1917 die kommenden scharfen Auseinandersetzungen zwischen den beiden sozialdemokratischen Parteien treffend charakterisierte.

Die Partei befand sich im Ersten Weltkrieg in ihrer schwersten Krise seit den Gründertagen. Ebert sah sich Belastungen ausgesetzt, die keiner seiner Vorgänger an der Spitze der Partei seit dem Ende des Sozialistengesetzes 1890 je auch nur annähernd in dieser Dimension und in dieser Intensität über einen so langen Zeitraum erfahren hatte. Dazu kam noch die persönliche Sorge um die zum Kriegsdienst eingezogenen Söhne Friedrich, Georg und Heinrich.

Friedrich Ebert im Kreis der Familie am 3. September 1916
Friedrich Ebert im Kreis der Familie, 3. September 1916: erster Urlaub seines zum Miliärdienst eingezogenen Sohnes Heinrich; (v.l.n.r. : Friedrich Ebert, Amalie, Heinrich, Louise, Friedrich jun., Karl).

„Heute Morgen erhielten wir ein Telegramm. Ich beachtete es gar nicht und legte es fort. Da stand meine Mutter auf. Plötzlich hörte ich einen Schrei; sie hat das Telegramm geöffnet. Unser guter Heinrich ist gestorben. Ich kann es nicht glauben.“

(Friedrich Eberts Tochter Amalie im Tagebuch am 15. Februar 1917 über die Nachricht vom Tod ihres Bruders Heinrich)

Der älteste Sohn Friedrich wurde im Juli 1916 schwer verwundet und nach einer längeren Genesungsphase Anfang 1917 wieder ins Feld abgestellt. Heinrich fiel im Februar 1917, keine drei Monate später auch Georg.

Portrait von Friedrich Eberts Sohn Heinrich in Uniform
Friedrich Eberts Söhne Heinrich (hier abgebildet) und Georg fallen 1917 innerhalb weniger Monate.
Portrait von Friedrich Eberts Sohn Georg in Uniform
Friedrich Eberts Söhne Heinrich und Georg (hier abgebildet) fallen 1917 innerhalb weniger Monate.

„Wir müssen uns trösten mit den vielen anderen, die ihr Liebstes verloren.“

(Friedrich Ebert in einem Brief vom 15. Februar 1917)

Es ist davon auszugehen, dass diese persönlichen Schicksalsschläge nicht ohne Einfluss auf den Politiker Ebert gewesen sein können, auch wenn direkte Dokumente fehlen. Nachzuvollziehen ist hingegen die hohe psychische und physische Belastung des Politikers Ebert in der Kriegszeit. Eine Konferenz jagte die andere, zahllose Besprechungen in Parteifragen, aber auch mit Regierungsstellen sorgten für höchste Beanspruchung, die bei Ebert und seinen Kollegen bis zum körperlichen oder seelischen Zusammenbruch führten.

Anfang Juli 1917 beklagte Ebert im Hauptausschuss, dem wichtigsten parlamentarischem Gremium zwischen den Sitzungen des Reichstages, die Untätigkeit der Regierung in der Frage von Demokratisierung. Die preußische Wahlrechtsreform war für ihn nun endgültig zum zentralen Problem der Innenpolitik Deutschlands geworden. Mitte 1917 war seiner Ansicht nach die Zeit hierfür reif: Warten wollte er nicht mehr: „Mit bloßen Versprechen ist nichts getan.“

„Wozu die großen Opfer, wenn die Regierung nicht gewillt ist, uns das Notwendigste, Unentbehrlichste, Selbstverständlichste: die politische Gleichberechtigung, zu gewähren, die Fesseln der politischen Ungleichheit, das Dreiklassenwahlsystem, zu beseitigen.“

(Friedrich Ebert im Reichstag am 3. Juli 1917)

Bereits im April 1916 hatte er prophezeit, dass sich die aus den Schützengräben heimkehrende Generation ihr „politisches Leben nicht wieder in die Drahtverhaue des Dreiklassensystems“ hineinzwängen lassen werde. Nichts geschah. Im März 1918 klagte Ebert mit Recht: „Es ist alles anders gemacht worden von der Regierung, als abgemacht worden ist. Die Regierung hat uns düpiert!“ Die Reichsleitung erstarrte in Agonie, doch bahnte sich die Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Mittelparteien an. Im Juli 1917 wurde der „Interfraktionelle Ausschuss“ aus SPD, katholische Zentrumspartei und linksliberale Fortschrittspartei ins Leben gerufen. Die ausgegrenzte SPD war zum Partner der bürgerlichen Parteien geworden. Auch wenn die Kooperation zunächst wenig Früchte trug, stand Ebert zu dieser ersten institutionalisierten Verbindung der Sozialdemokratie mit den bürgerlichen Kräften auf Reichsebene, die für ihn ein wichtiges Durchgangsstadium auf dem Weg der SPD zur Regierungspartei darstellte.

„Trotz der verschärften Situation glauben wir, getreu unserer sozialistischen Weltanschauung, auch heute dieser Friedenssehnsucht Ausdruck geben zu sollen. Dabei wissen wir uns in Übereinstimmung mit großen Schichten aller Völker, die mit uns erstreben: einen Frieden ohne Vergewaltigung eines anderen Volkes, einen Frieden, der ein dauerndes Zusammenwirken aller Kulturvölker wieder ermöglicht. Darum wenden wir uns mit Entschiedenheit gegen diejenigen Bestrebungen, die den Frieden abhängig machen wollen von allerlei Eroberungen. Wir haben von Anfang an den Standpunkt eingenommen, dass wir jeden Eroberungskrieg verurteilen.“

(Friedrich Ebert am 29. Mai 1915 im Reichstag)

Ebert Drängen auf politische Reformen erfüllte sich erst, als der Krieg verloren war und die Reichsleitung Reformen konzedieren musste. Trotz der sich abzeichnenden militärischen Niederlage führte er im Oktober 1918 gegen Widerstände innerhalb der eigenen Reihen seine Partei in die erste parlamentarisch gestützte Regierung unter dem neuen Reichskanzler Prinz Max von Baden. Es sei die „verdammte Pflicht und Schuldigkeit“ der Sozialdemokratie, sich in die „Bresche zu werfen“, um den ersehnten Frieden herbeizuführen, die Revolution zu vermeiden und die Monarchie nach der Abdankung des Kaisers zu demokratisieren.

Daran hielt Ebert auch fest, als die militärische Führung am 2. Oktober 1918 die bis dahin für kaum möglich gehaltene Kriegsniederlage eingestand. Auch Ebert schien geradezu gebrochen und konnte kaum die Tränen verbergen, als er seiner Fraktion, unmittelbar nachdem die Militärs den Parteivertretern reinen Wein eingeschenkt hatten, über den Stand der Dinge berichtete. Angesichts der neuen Lage mehrten sich die Stimmen gegen eine Beteiligung an der Regierung. Ebert aber hielt an einer Regierungsbeteiligung fest.

„ ... es beginnt ein neues Reich und eine neue Politik. Da gibt es kein Zurück.“

(Friedrich Ebert vor der SPD-Fraktion am 2. Oktober 1918)

In der ersten parlamentarischen Regierung unter Reichskanzler Max von Baden saßen erstmals auch Vertreter der SPD, darunter Philipp Scheidemann und Gustav Bauer. Ebert gehörte nicht dazu; er hielt die Partei bei der Stange. In den Ende Oktober 1918 verabschiedeten Verfassungsreformen, durch die das Gewicht des Reichstages gegenüber der Regierung gestärkt und mit der letztendlich die konstitutionelle Monarchie in eine parlamentarische übergeleitet wurde, erblickte er einen ersten entscheidenden Schritt in Richtung Demokratie, die er auf evolutionärem Weg unter Vermeidung revolutionärer Erschütterungen erreichen wollte. Zunächst wollte er auch die Monarchie noch erhalten, wenn diese sich über weitere Reformen zu einer vollen Demokratie mit einem lediglich repräsentative Funktionen ausübenden Kaiser als Staatsoberhaupt entwickeln würde. Auf friedlichem Wege sollte der wilhelminische Semiparlamentarismus in den vollendeten Parlamentarismus verwandelt werden. Das konnte auch unter monarchischem Signum erfolgen, musste nicht unbedingt gleich in die Republik münden. Doch die starrköpfige Haltung der Reichsleitung führte auch bei Ebert zu der Erkenntnis von der Unmöglichkeit der Reformierung des Reiches unter monarchischen Vorzeichen.

„Die Demokratisierung ist für Reich und Volk eine Lebensnotwendigkeit.“

(Friedrich Ebert 2. November 1918)

Die Verfassungsreformen waren zu spät gekommen. Die von den Seehäfen ausgehende revolutionäre Welle spülte Eberts Hoffnung auf einen allmählichen friedlichen Übergang fort. In den entscheidenden Herbsttagen des Jahres 1918 zeigte sich Eberts Identifikation mit dem Schicksal des Reiches, die sich mit einem über die eigene Partei hinausreichenden Verantwortungsbewusstsein paarte. Das waren die beiden zentralen Elemente, die seine Politik nach dem Umsturz vom 9. November 1918 prägen sollten.

 

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