Tod und Nachwirkung

Tod und Nachwirkung

Den Traum von einem geruhsamen Lebensabend in der Geburtsstadt Heidelberg erfüllte sich nicht. Denn Ebert wurde indirekt das Opfer der Hetzkampagne. Das Urteil von Magdeburg hatte ihn tief getroffen – er ist, wenn auch nicht direkt, so doch indirekt „an diesen und ähnlichen Verleumdungen schließlich verblutet“, wie Scheidemann später schrieb. Nach den Berichten von Eberts Hausarzt Arnold Freudenthal, einem jüdischen Facharzt für Magenleiden, fühlte sich der Reichspräsident seit Weihnachten 1924 unwohl. Am 7. Februar gab er noch das jährlich stattfindende größere Essen für das diplomatische Korps, ließ aber dann zwei Tage später seinen Arzt rufen, der den Reichspräsidenten im Bett liegend vorfand. Ebert klagte über Mattheit, Appetitlosigkeit, Husten und Luftbeklemmung. Freudenthal diagnostizierte zunächst wohl Gallensteinkoliken, an denen Ebert seit einigen Jahren litt, und nicht Blinddarmreizung, die es eigentlich war. Aber die tatsächliche Erkrankung war bei dem Krankheitsbild in den ersten Stunden nicht zu erkennen.
Der Arzt riet zu einer Kur; doch wollte Ebert erst den Berufungsprozess hinter sich bringen. Am 23. Februar 1925 trat eine dramatische Verschlechterung seines Gesundheitszustandes ein. Noch in der Nacht wurde er im Berliner West-Sanatorium operiert – zu spät, wie sich herausstellen sollte. Am 28. Februar 1925 gegen 10.15 Uhr starb Friedrich Ebert. Es kann kein Zweifel bestehen, dass die Hetzkampagne zu seinem frühen Tod im Alter von 54 Jahren beigetragen hatte. Sein Arzt berichtete, dass die durch den Magdeburger Prozess verursachten „seelischen Aufregungen“ die Widerstandskraft des Kranken geschwächt hatten, so dass er die Operation nicht habe überstehen können.

„Es entsprach seiner Natur, Schmerzen jeder Art der Außenwelt und der Familie zu verbergen. […]. Mir, der Tochter, stehen aber gerade die letzten Monate seiner Präsidentschaft, die Zeit seiner Krankheit und der vorangegangenen seelischen Depression infolge der gegen ihn planmäßig betriebenen Hetze so nahe vor Augen, dass es mir schwer fällt, auch die freudigen Tage seiner Amtszeit in meiner Erinnerung wach zu halten.“

(Friedrich Eberts Tochter Amalie)

Mit Ebert war ein Stück Demokratie zu Grabe getragen worden. Sein Tod mitten im Amt und nach dem Prozess von Madgeburg wurde als tragisch empfunden. Beileidsbekundungen trafen aus aller Welt ein. Solche Bezeugungen der Anteilnahme in den ersten Stunden nach dem Tod eines Politikers lassen nicht unbedingt auf dessen Wertschätzung schließen, doch es ist auffallend, dass gerade aus dem Ausland Louise Ebert einige Kondolenzschreiben erreichten, die über den Rahmen der erwarteten Höflichkeitsfloskeln hinausgingen und Ausdruck eines tief empfundenen Mitgefühls waren. Es war mehr als nur eine Sache von Pflicht und Anstand, wenn Karl Kautsky in einem Brief an den sozialdemokratischen Parteivorstand noch einmal die Leistungen des Verstorbenen würdigte. Und der Dichter Thomas Mann bekundete seinen Respekt vor dem Toten: „Meine Sympathie ist grenzenlos.“

Bild vom Berliner Westsanatorium 1925
Das Berliner Westsanatorium; hier verstarb Friedrich Ebert am 28. Februar 1925.

In einer bewegenden republikanischen Trauerfeier nahm Berlin am 4. März Abschied von Ebert. Eine unüberschaubare Menge – Schätzungen sprechen von einer Million Menschen – säumten den Weg des Trauerzuges. Stellenweise brachen die Absperrungen unter dem Druck der Massen zusammen.

Bild vom Pariser Platz in Berlin anlässlich der Trauerfeierlichkeiten zum Tode Friedrich Eberts
Trauerfeierlichkeiten in Berlin
„Vorwärts"-Sonderausgabe zum Tod Friedrich Eberts
„Vorwärts"-Sonderausgabe zum Tod Friedrich Eberts
Der Trauerzug anlässlich Friedrich Eberts Tod am Brandenburger Tor
Der Trauerzug am Brandenburger Tor
Bild vom aufgebahrten Sarg Friedrich Eberts am Bahnhof von Potsdam
Der Potsdamer Bahnhof am 4. März 1925. Eberts Wunsch war es, in seiner Heimatstadt Heidelberg beigesetzt zu werden. Vor der Überführung wurde der Sarg am Potsdamer Bahnhof aufgebahrt.

Am nächsten Tag wurde Ebert auf dem Bergfriedhof in Heidelberg beigesetzt. Hier endete der Weg eines Politikers, der sich die Verwirklichung der sozialen Demokratie zum Lebensziel gemacht hatte. In der Revolution hatte der sozialdemokratische Reformpolitiker Friedrich Ebert den Weg zur Republik und konsequent am Vorrang der demokratisch-parlamentarischen Ordnung festgehalten. Als Staatsoberhaupt der Republik verstand er sich als Präsident aller Deutschen, nicht als Vorkämpfer und Interessenvertreter einer einzigen Partei. Geleitet von diesem Amtsverständnis, sah er es als seine zentrale Aufgabe an, die Grundlagen für das Funktionieren der Demokratie zu schaffen und für Kontinuität der Regierung zu sorgen.

Der Trauerzug anlässlich des Todes von Friedrich Ebert durch die Heidelberger Rohrbacherstraße
Der Trauerzug durch die Heidelberger Rohrbacherstraße
Bild von der Beisetzung Friedrich Eberts auf dem Bergfriedhof
Beisetzung auf dem Bergfriedhof
Bild von der Beisetzung Friedrich Eberts auf dem Bergfriedhof
Beisetzung auf dem Bergfriedhof

„In dieser Situation, in der die Intrigen, die Putsche, die Verleumdungen, die Krisen nicht aufhören, die von den Gegnern der Republik angezettelt werden, bedurfte es außerordentlicher Eigenschaften, um als erster Präsident der Republik ohne jede republikanische Tradition im Reiche nicht nur die bestehende Regierungsform zu erhalten, sondern ihr Ansehen zu mehren, sie immer weiter in Kreisen auch außerhalb des grundsätzlichen Republikanertums als die heute in Deutschland einzig mögliche Staatsform erscheinen zu lassen und sie im deutschen Volksbewusstsein dauernd zu befestigen. Dass ihm dies gelang, darin dürfen wir wohl Eberts größte historische Leistung erblicken.“

(Der SPD-Theoretiker Karl Kautsky zum Tod Friedrich Ebert)

14 Tage vor dem Tod Eberts hatte der „Vorwärts“ seine Leser an den 6. Jahrestag seiner Wahl zum Reichspräsidenten erinnert. Der „Genosse Ebert“ habe in einer nie da gewesenen Krise eine so schwere Aufgabe geschultert, wie sie zuvor kaum ein anderer verantwortlicher Politiker auferlegt bekommen habe: „Härteste Bedrängnis von außen, tiefste Erschütterung im Innern, soziale Nöte, drohender Zerfall, das waren die Zeichen, unter denen Ebert sein Amt antrat. Es kam die Entscheidung über Oberschlesien, das Londoner Ultimatum, der Ruhrkampf, es kamen die Putsche von links, die Putsche von rechts, die politischen Morde, der Separatismus im Westen und in Bayern, es kamen Hungerkrawalle und Inflation.“ Die Analyse von Ausgangsbedingungen und Belastungen in der Amtszeit konnte in dieser Kürze präziser nicht sein. Für die Leistung ihres ehemaligen Vorsitzenden an der Spitze der Republik zollte die Partei Respekt: „Eberts Aufgabe war es zu verhindern, dass die Krisen zu Katastrophen wurden.“

Die Krisen waren in der Tat nicht zu Katastrophen ausgewachsen. Zum Zeitpunkt des Todes des ersten Reichspräsidenten 1925 befand sich die Republik von Weimar – auch dank der Politik Friedrich Eberts – nach Jahren der tiefen Krisen in einer Phase der relativen Stabilität. Friedrich Ebert hatte im Wesentlichen das getan, was ein Staatsoberhaupt in einer segmentierten, innerlich wenig befriedeten, äußerlich nachhaltig bedrängten Republik mit sozialen Schieflagen hatte tun können, überhaupt zu tun in der Lage war, wenn es sich dem demokratischen Ideal in aller Konsequenz und mit Entschiedenheit verpflichtet fühlte. Die Republik von Weimar verlor mit dem ersten Reichspräsidenten ihren Vorkämpfer und einen ihrer Stützpfeiler. In einem Pantheon wurde der erste deutsche Reichspräsident nicht beigesetzt. Ihm zu Ehren wurde kein Mausoleum wie für Lenin errichtet, aus dem sich eine Pilgerstätte entwickelt hätte. Es war ein einfaches Grab, das später mit einem Grabstein versehen wurde, der die Inschrift trägt: „Des Volkes Wohl ist meiner Arbeit Ziel.“ Mochte man Ebert auch in einzelnen Entscheidungen kritisieren, man konnte nicht umhin, diesen Leitspruch als sein Lebensziel anzuerkennen. Unter diesen Worten stand seine Politik, die – nicht frei von Fehlern – in ihrer Gesamtheit aber unter den vielfältigen Belastungen doch erfolgreich und wegbereitend war, um den Sozialdemokraten und ersten Reichspräsidenten zu einen der Ahnherrn der deutschen Demokratie erheben.

„Lincoln trat aus dem Dunkel der hinteren Wälder eines jungen Volkes. Ebert kam aus dem Schatten der hinteren Häuser einer alten Volksgeschichte […] Lincoln wurde von Kugeln gemordet, Ebert mit Worten gemordet. Ich weiß nicht, was das schlimmere Schicksal war. Die Amerikaner, die auch zu hassen und zu schmähen wussten, haben zu danken gelernt. Ob die Deutschen auch?“

(Bundespräsident Theodor Heuss 1950)

„An der Vorrangigkeit demokratischer Ordnung hielt Ebert auch 1918 fest, als es möglich schien, die neue Ära mit einer Räteherrschaft und mit einem gewaltsamen, blutigen Umbruch in allen Zweigen des gesellschaftlichen Lebens anzusetzen. In den letzten Jahren ist der Vorwurf gegen Ebert wieder aufgelebt, dass er gerade hiermit die Revolution verraten habe. Diese Kritiker verkennen, dass Ebert 1918 so handelte, wie sein Leben angelegt war, nämlich auf Mitbeteiligung und Mitverantwortung aller. Weder Ebert noch seine engeren politischen Freunde hatten im Sinne, eine alte Klassenherrschaft zu ersetzen. Was sie erstrebten, war die demokratische Selbstbestimmung des ganzen Volkes über seinen künftigen Weg. Daran hielten sie fest, als ihnen als Volksbeauftragten die Macht zugefallen war.“

(Bundespräsident Gustav Heinemann bei der Feier zum 100. Geburtstag Friedrich Eberts am 4. Februar 1971 in Bonn)

 

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